Hürdenlauf im Versuchslabor

HÜRDENLAUF IM
VERSUCHSLABOR

Auf dem Weg vom Wirkstoff zum Arzneimittel muss Anette Pauli-Bruns viele Hindernisse überwinden. Ohne Kreativität geht in der Galenik gar nichts.

Dieses Mal ist es der PH-Wert: Auf 2,5 muss er gebracht werden, damit der neue Wirkstoff in der Trägerflüssigkeit lösbar wird. „Erst dann können wir wieder hoch auf den neutralen Wert gehen“, erklärt Anette Pauli-Bruns. Die Pharmazeutin steht vor dem Laminar Flow – einer Sicherheits-Werkbank, auf der dank eines Luftstroms Bedingungen herrschen wie in einem Mini-Reinraum. Dort beobachtet sie, wie der Ansatz Tropfen für Tropfen durch den 0,2 Mikrometer-Filter läuft. Vielleicht die Grundlage für ein neues Arzneimittel, das in einigen Jahren vielen Menschen hilft. Wahrscheinlicher ist, dass es wie die meisten anderen Wirkstoffe auf der Strecke bleibt.

Schuld daran sind meistens vier gute Bekannte: Chemie, Physik, Biologie und Technik. Einer schießt immer quer. „Chemische Vorgänge sind gut durchschaubar, da liegen wir in der Abschätzung häufig richtig“, sagt Pauli-Bruns. „Bei den physikalischen Phänomenen wie der Aggregation sieht das anders aus. Wie sich Moleküle zusammenlagern, das ist extrem schwierig vorauszusehen.“ Aber genau das gehört zu ihren Aufgaben als Galenikerin am Frankfurter Standort des Herstellers Sanofi: Hürden zu erkennen und die Wirkstoffe so fit zu machen, dass sie eine nach der anderen nehmen. Aus einem Wirkstoff ein Arzneimittel zu machen – das ist das Ziel der Galeniker.

Neugier, Kreativität, tonnenweise Fachwissen – sonst noch was?

Selbst in einer spezialisierten Branche wie der Pharmaindustrie ist für diese Arbeit ein besonderes Profil nötig. „Neugier ist sehr wichtig. Aber auch Kreativität, so eine wissenschaftliche Sorte von Kreativität – nur ... sehr zielgerichtet. Und eine starke Kommunikationsfähigkeit, das Vermitteln zwischen den Abteilungen.“ Okay, sonst noch was? „Die Grundlagen eben, Kenntnisse in Pharmakologie, Biologie, Chemie, Physik und technischen Abläufen.“ Ein Tausendsassa also? Diesen Begriff mag Pauli-Bruns nicht so gerne. „Eher breit aufgestellte Spezialistin.“ Aber ja, das sei schon ungewöhnlich vielfältig, schiebt die 40-Jährige nach. Der Stolz auf ihre Arbeit ist ihr anzumerken.

Ihre Aufgaben machen professionelle Galeniker wie Anette Pauli-Bruns zu "Architekten für Arzneimittel". Sie haben den Überblick über den gesamten Plan: über die Anforderungen von Markt und Unternehmen – den Bauherren. Über das, was die Forscher an neuen Ansätzen und Ideen bieten – die Kreativen. Über die technischen Möglichkeiten und Limitierungen – die verfügbaren Rohstoffe und Baumaschinen. Ihr Fokus liegt dabei – wie bei einem Architekten – auf einem Punkt: Wie kann das alles zu einem Konstrukt führen, das einen optimalen Nutzen für die Menschen bietet?

Spielverderber oder Retter?

Dazu gehört auch, Moleküle, die keine Chance auf Erfolg haben, zu erkennen und rigoros auszusortieren. „Manchmal werden wir dann als ‚Spielverderber’ empfunden“, sagt Pauli-Bruns. Ein Etikett, das ihr nicht passt. „Wir sind viel eher Retter!“ Schließlich stellt die Galenikerin keine Hürden auf, sie weist nur auf bestehende Hürden hin. Durch diese Einschätzung können Wirkstoffe manchmal noch so angepasst werden, dass sie einen Schritt weiterkommen. „Aber wenn zum Beispiel die Wirkung nicht lang genug anhält, obwohl wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, oder wenn der Wirkstoff nicht an die Stelle im Körper gelangt, an der er wirken soll: Dann ist er raus“, sagt die Wissenschaftlerin. Sie wischt dabei mit der Hand durch die Luft – stellvertretend für alle Wirkstoffe, die zu kurz gesprungen sind.

Ein neuer Kandidat wird in der Entwicklungs-Abfüllmaschine in sterile Kartuschen geleitet. Tobias Diener, chemisch-technischer Assistent bei Sanofi, steuert die Miniaturversion der Produktionsanlage. „Wenn die Charge abgefüllt ist, geht es zum Temperaturtest“, erklärt der 27-Jährige. Ist der Wirkstoff robust genug, um Temperaturschwankungen zu überstehen? Lässt er sich längere Zeit lagern, ohne sich zu verändern? Auch diese Anforderungen zählen zu den Hürden, die es auf dem Weg zum Arzneimittel zu überwinden gilt.

Zuverlässigkeit ist die
Währung, die zählt

Pauli-Bruns arbeitet ganz klassisch mit Molekülen, Chemikalien oder Naturstoffen – vor allem aber mit Informationen. Testdaten sind einer der wichtigsten Arbeitsstoffe für sie – allerdings einer, der trügerisch sein kann. „Den Zufall müssen wir immer in Betracht ziehen“, sagt die Galenikerin. Nur ein Testdurchlauf als Datenbasis reiche nie aus. „Es ist nicht damit getan, die Hürde einmal zu nehmen. Ich muss gewährleisten, dass sie immer wieder übersprungen wird.“ Hundertprozentige Sicherheit gibt es in der Medizin nicht. So nah wie irgend möglich an die 100 heranzurücken, das ist die Herausforderung. Zuverlässigkeit, das ist die Währung, die für Pauli-Bruns zählt.

Eine seltene Währung: „Bislang habe ich an rund 100 Wirkstoffen mitgearbeitet.“ Und wie viele davon sind als Arzneimittel auf dem Markt? „Leider keiner. Einer hätte es fast geschafft. Der ist aber leider in den klinischen Studien an zu geringer Wirksamkeit gescheitert“, sagt Pauli-Bruns und zuckt die Achseln. Resignation ist ihr nicht anzumerken. „Ich bin überzeugt, dass wir hier wertvolle Mitarbeit an Innovationen leisten. Schließlich ziehen wir auch aus gescheiterten Projekten wichtige Erkenntnisse.“

Wie ein Scherzanruf
bei der Feuerwehr

Tatsächlich ist die Bereitschaft, Wirkstoffe zu begraben, ein wichtiger Baustein für den Erfolg der Arzneimittelforschung. Je weiter eine Substanz im Entwicklungsprozess fortschreitet, je höher sie auf der steilen Treppe zur Zulassung klettert, desto mehr Hoffnung wird in sie gesetzt. Vom Unternehmen ebenso wie von Ärzten und Patienten, die durch die Veröffentlichung der Studienergebnisse auf dem Laufenden sind. Je später ein Wirkstoff scheitert, desto mehr Menschen werden enttäuscht. Jeder Wirkstoff, der ohne Aussicht auf Erfolg weitergeschleppt wird, ist wie ein Scherzanruf bei der Feuerwehr: Er blockiert Kapazitäten und verpulvert Geld.

Transparenz aller Prozesse ist für die effiziente Arbeit eine wichtige Voraussetzung. Und wer darf dafür sorgen? Natürlich die breit aufgestellte Spezialistin. Detaillierte Aufbereitung der Projekte, Beantwortung von Nachfragen – für die Zulassungsbehörden sind Daten alles: Was nicht dokumentiert wird, existiert nicht. Bis zu 20 Prozent der Arbeit macht das aus, was man in der prä-digitalen Zeit Papierkram nannte. An dieser Stelle der Geschichte wundert es nicht, dass Anette Pauli-Bruns auch das mit Gelassenheit sieht: „Ach, so schlimm ist das nicht. Es ist ja auch eine Bilanz der eigenen Arbeit.“

Dieses Gespür für die Notwendigkeiten in Kombination mit einer unstillbaren Neugier und einer simplen Begeisterung für ihre Arbeit zeichnet Anette Pauli-Bruns aus. Sie arbeitet als Architektin der Arzneimittel im Dienste des Erfolges eines großen Teams. „Es gibt kaum jemanden, der die Entwicklung eines Wirkstoffes so sehr von Anfang bis Ende begleitet wie wir“, sagt sie und dreht sich wieder zu ihrem Bildschirm um, ganz auf die neuen Testdaten konzentriert. Vielleicht schafft es ja dieser Wirkstoff.


Fotos: Sanofi Deutschland