Das Netz als Arzthelfer

DAS NETZ ALS
ARZTHELFER

Das Internet macht`s möglich: Viele Patienten wissen heute mehr über ihre
Krankheiten als der behandelnde Arzt. Aber ist das wirklich so?

Das Therapiegespräch mit dem Asthma-Patienten kreist bereits seit zehn Minuten um dieselbe Frage: Kommen Heiserkeit und Husten vom Cortison im Asthma-Medikament oder kommen sie vom Rauchen? „Das Cortison ist schuld“, sagt der Patient immer wieder und wedelt mit dem Beipackzettel, in dem Heiserkeit als mögliche Nebenwirkung aufgeführt ist. Irgendwann hat Professor Philipp Martius genug. Er richtet seine stahlblauen Augen auf den Patienten, sieht ihn eindringlich an und sagt schließlich: „Wenn Sie mir nicht glauben wollen, dann machen Sie sich doch im Internet schlau.“
Das nächste Gespräch beginnt der Patient mit den Worten: „Okay, jetzt hab ich`s verstanden. Ich sollte das Asthmamedikament vielleicht doch nehmen.“ Er hatte im Internet die Erfahrungsberichte von Asthmatikern gelesen, denen es mit einem Asthmaspray deutlich besser ging. Trotz Cortison.

"Das Internet kann Fluch und Segen sein. Sie finden dort die abstrusesten Dinge, gerade, was Gesundheit angeht."

„Das Internet“, sagt Martius, „kann Fluch und Segen sein. Sie finden dort die abstrusesten Dinge, gerade, was Gesundheit angeht. Aber für mich überwiegen die Vorteile, insbesondere in meinem Fachbereich.“ Der 57-Jährige leitet die psychosomatische Abteilung im Klinikum Höhenried, einem Rehabilitationszentrum am Starnberger See. Immer wieder erzählen ihm Patienten von neuen Behandlungsmethoden und Medikamenten, auf die sie im Web gestoßen sind. „Natürlich muss ich dann nach den Quellen fragen und die Thesen vielleicht korrigieren. Aber es kann für meine Behandlung auch hilfreich sein, wenn Patienten sich zusätzliche Informationen besorgen und gut Bescheid wissen.“ So war es zum Beispiel bei einem Patienten, der unter Kopfschmerzen und Schwindel litt, nachdem er auf ein neues Antidepressivum eingestellt worden war. Im Internet las er von einer Entspannungsmethode, die genau gegen diese Nebenwirkungen helfen sollte. Martius nahm es pragmatisch und empfahl seinem Patienten, die Entspannungsübung einfach auszuprobieren – wenn sie wirke, dann sei sie auch gut.

Dinge testen...






















„Solange Sie ihre Gesundheit nicht gefährden, spricht nichts dagegen, auch Dinge zu testen, die keine wissenschaftliche Evidenz haben“, sagt Martius und erzählt von einer jungen Patientin, die im Internet auf einen Schamanen stieß, ein Ritual bei ihm machte und anschließend ihre Essstörungen in den Griff bekam. Die Mutter dieser jungen Frau aber schämte sich, weil sie ihre Tochter zu einem Schamanen gehen ließ – sie habe Angst gehabt, so Martius, „dass ich das entwerte und sie für eine schlechte Mutter halte. Aber warum sollte ich das verurteilen? Es hat der Tochter geholfen und es hat mir dabei geholfen, die Depressionen der Mutter zu behandeln – denn ich konnte von da an das Problem der Tochter in die Therapie der Mutter einbeziehen und letztlich der ganzen Familie zu einer Besserung verhelfen.“

Natürlich gibt es Grenzen. Nicht jeder Schamane hält seine Versprechungen und auch nicht jeder vermeintlich seriöse Therapeut. Martius erzählt von einem ehemaligen Mitarbeiter, der eine „Blümchentherapie“ entwickelte und dazu eine ebenso blumige Website ins Netz stellte: „Natürlich musste ich ihm sagen, dass er sowas nicht als seriöse Therapie etablieren kann.“ Manchmal treibt das Internet eben seltsame Blüten…

Websites als
Schmerzmittel










Problematisch wird es häufig auch bei Schmerzpatienten. Viele von ihnen leitet der Schmerz auf Seiten, in denen schnelle Hilfe angeboten wird, sei es durch Wundermittel oder „obskure Geräte, aus denen Strahlen oder sonst was kommen.“ Das Problem dabei: Klassische Schmerztherapien sind im Gegensatz zu solchen Angeboten mühsam, langwierig und führen nur in kleinen Schritten zu einer Stabilisierung. Wenn ein solcher Schmerzpatient ständig Neues ausprobieren will, „dann zerschießt er sich damit sein Behandlungsschema – und das ist nun mal langweilig und erfordert eine gewisse Regelmäßigkeit.“ Für Martius ist die entscheidende Frage, ob ein Patient seine Informationen aus dem Internet gegen seinen Arzt und dessen Behandlung verwendet, oder ob er sie nutzt, um diese Behandlung sinnvoll zu erweitern und zu ergänzen.
Fest steht jedenfalls: Das Internet verändert die Beziehung zwischen Arzt und Patient dramatisch. Philipp Martius betont zwar, dass es auch vor dem Internetzeitalter für Patienten schon andere Informationsquellen gab als den Arzt – die Großmutter, eine Kräuterfrau aus dem Dorf oder den Pfarrer. Aber so reich und vielfältig wie heute sind Informationen noch nie gesprudelt. Die Folge: Die Ärzte müssen mehr mit den Patienten reden und sich mit dem echten oder vermeintlichen Wissen auseinandersetzen, das die aus dem Internet ziehen. „Die Ärztekammern bieten Dialogseminare für Ärzte an“, sagt Martius, „und das kann ich nur begrüßen.“ Umfragen zeigen, dass mehr als 80 Prozent sich im Internet über medizinische Fragen informieren. Erst dann folgen Printmedien und Fernsehen mit jeweils 62 Prozent. Direkt beim Arztgespräch fragen nur 58 Prozent der Patienten nach. Die Ärzte liegen damit als Informationsquelle in etwa gleichauf mit Verwandten, Freunden und Apothekern. Deutlich zugenommen hat in den letzten Jahren die Bedeutung von mobilen Applikationen.

Ein neuer
Trend











„Mit medizinischen Apps werden wir uns künftig vermehrt beschäftigen“, sagt Martius. Und wie beim Internet halten sich Vor- und Nachteile die Waage: „Schrittzähler halten uns in Bewegung und sind deshalb hilfreich, ebenso wie Apps, mit denen man seine Herzfrequenz messen kann. Es gibt aber auch elektronische Tamagochis, die mit Zahlen gefüttert werden und nur Unsinn ausspucken.“ Noch bedenklicher findet Martius jene Apps, die gar zu viele Daten sammeln und Rückschlüsse „auf die Versicherungsfähigkeit eines Patienten“ zulassen. Aber: „Manche Apps können Therapie-Erfolge stabilisieren.“ Bei Ess-Störungen gebe es „SMS-Nachrichten mit einer Nachfrage nach der Befindlichkeit – diese App hat in Studien gezeigt, dass die Patienten damit leichter ihr Gewicht stabil halten konnten.“

Alles in allem, findet Philipp Martius, diene der technische Fortschritt auch dem medizinischen Fortschritt. „Das Internet ist dabei eine zusätzliche Informationsquelle, für den Patienten, aber auch für mich.“ Wenn er heute zum Beispiel nach einem Spezialisten in einer bestimmten Region sucht, muss er keine Telefonbücher mehr wälzen, sondern es reichen wenige Klicks am Laptop. Natürlich gebe es die Gefahr, falschen Informationen aufzusitzen. „Aber“, so Martius, „jeder Mensch trägt eine gewisse Selbstverantwortung – und davon befreit uns auch das Internet nicht.“


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