Deutsche pflegen ihren Empörungsgenuss

DEUTSCHE PFLEGEN IHREN
EMPÖRUNGSGENUSS

Die Medizin macht rasante Fortschritte – vor allem dank moderner Computertechnik. Der Zukunftsforscher Prof. Peter Wippermann, Mitherausgeber des jährlichen „Werte-Index“, erklärt, wie die Menschen mit der Digitialisierung der Gesundheit umgehen und wo ihre Grenzen liegen.

Neue Wirkstoffe werden am Computer designt. "Wearables" – kleine digitale Geräte, die direkt am Körper getragen werden – funken dauerhaft Gesundheitsdaten ins Netz. Ist Gesundheit bald eine Frage der Programmierung?

Prof. Peter Wippermann: Es ist vor allem eine Frage der Interaktion von Information. Durch die Selbstvermessung der Körperdaten in großer Zahl ergibt sich eine Verdichtung von Krankheitsbildern. Das ermöglicht Medizinern und Pharmaunternehmen den Rückgriff auf ganz andere Ressourcen, die einen viel gezielteren Blick auf Krankheiten ermöglichen. Perspektivisch wird das in der Entwicklung persönlicher Medikamente für einzelne Patienten münden.

"Bei aller Vorsicht müssen wir als Gesellschaft aber lernen, die Chancen neuer Technologien zu sehen. Bislang haben wir in Deutschland einen absoluten Empörungsgenuss. Bei allem werden die negativen Punkte gesucht, die Gründe dagegen."

Die Onkologie beschreitet diesen Weg durch die Entschlüsselung der DNA einzelner Tumore ja bereits – zumindest im Ansatz.

Wippermann: Genau. Langfristig sehe ich diese Ausdifferenzierung von Patientengruppen oder einzelnen Patienten für alle Krankheitsbereiche. Das Schwierige ist, den Ansatz zu finden. Die Weiterentwicklung geht dann schnell. Das gilt zum Beispiel auch für das 3D-Drucken von Organen. Das hört sich zwar noch immer bizarr an, ist aber schon sehr weit entwickelt. Der gesamte Bereich der synthetischen Biologie zeigt, wie weit wir in unseren Möglichkeiten schon sind. Natürlich sind diese Entwicklungen vom Endverbraucher noch weit entfernt. Langfristig gesehen werden Innovationen immer im oberen Preissegment eingeführt. Wenn sie sich durchsetzen, werden sie dann für alle verfügbar. Das haben wir auch bei anderen Technologien erlebt: Der Airbag war am Anfang ein teures Extra im Oberklasse-Auto - jetzt ist er selbstverständlich.

Sind denn alle Möglichkeiten der modernen Medizin auch sinnvoll?

Wippermann: Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir die Möglichkeiten im Griff behalten und überlegt steuern. Rein technisch gesehen könnte man bald jedes Neugeborene gentechnisch untersuchen und die Starken von den Schwachen trennen.

Dann wären wir bei Huxleys „Schöne neue Welt“.

Wippermann: Genau. Aber das wollen wir nicht. Deshalb wurde Googles Gentechnik-Firma "23andme" vor einigen Jahren von der US-Zulassungsbehörde FDA stark eingeschränkt in ihrer Arbeit. Bei aller Vorsicht müssen wir als Gesellschaft aber lernen, die Chancen neuer Technologien zu sehen. Bislang haben wir in Deutschland einen absoluten Empörungsgenuss. Bei allem werden die negativen Punkte gesucht, die "Gründe dagegen".

Gilt das auch für das Thema Self-Tracking, das Datenschützer hierzulande sehr kritisch sehen?

Wippermann: Was wir im Verhalten der Verbraucher erkennen können, bestätigt diese Ängste nicht. Vielleicht braucht es hier etwas mehr Zeit – aber die Akzeptanz wird da sein. Sehen Sie sich das Beispiel "Google Streetview" an: Zuerst gab es eine große Panik, alle wollten ihr Haus unkenntlich machen lassen. Vier Jahre später gingen dann massenhaft Anträge ein, die Verpixelung des eigenen Hauses im Programm rückgängig zu machen. Es ist ganz klar: Die Selbstvermessung und die Verfügbarkeit der gewonnenen Daten werden sich immer weiter verbreiten. Schon jetzt ist das ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor unter dem Stichwort "Unternehmensgesundheit". Self-Tracking und darauf basierende Gesundheitsprogramme werden von Companies wie SAP aktiv gefördert, um die Gesundheit der Mitarbeiter und damit die Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu pushen.

Das bringt Vorteile für die Mitarbeiter – sagt aber auch ganz klar: Nur wer gesund ist, kann Leistung bringen. Kann das den Wunsch nach Gesundheit zum Zwang zur Gesundheit werden lassen?

Wippermann: Diese Entwicklung beobachten wir schleichend schon seit einigen Jahren. Es ist die Entwicklung vom Wohlfahrtsstaat hin zur Leistungsgesellschaft: Die Leistung, die wir in gesundem Zustand erbringen können, wird eingefordert – weil wir mehr Möglichkeiten haben, uns gesund zu halten.

Verändert dieser Wandel des Gesundheitsbildes den Menschen?

Wippermann: Ja, genau das können wir beobachten. Die Menschen sind immer bereiter, in der Gegenwart zu leben. Es kommt darauf an, jetzt gesund und fit zu sein, jetzt optimale Leistung bringen zu können. Es gibt keine Zukunftsszenarien, die wir kollektiv anstreben. Das Kriterium, das bei dieser Sichtweise entscheidend wird, ist: Zeit. Deshalb versuchen wir, unsere Freizeit und selbst unseren Schlaf zu optimieren. Wir vernetzen Arbeit und Freizeit, wir wollen jetzt fit und gesund sein, um jetzt mehr leisten zu können. Ganz egal, wie alt wir sind.

Das klingt nach dem abgedroschenen Spruch: Man ist immer so alt, wie man sich fühlt.

Wippermann: Abgedroschen, ja. Aber genau das ist es: Das gefühlte Alter bekommt eine immer größere Bedeutung.

"Die Menschen kümmern sich um ihre eigene Situation, um ihre persönliche Gesundheit – nicht um die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems."

Um die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems und die Kosten von Arzneimitteln werden hitzige Diskussionen in den Medien und der Politik geführt. Wenn aber für die Menschen nur noch die individuelle Situation zählt: Ist diese Diskussion dann noch von Belang?

Wippermann: Tatsächlich kommt die Diskussion um die Kosten der Gesundheitsversorgung bei den Bürgern kaum an. Das sehen wir in der Auswertung der Kommunikation im Web für unseren „Werte-Index“ sehr deutlich. Die Menschen kümmern sich um ihre eigene Situation, um ihre persönliche Gesundheit – nicht um die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems.

Liegt das auch an der Art und Weise, wie die Diskussion geführt wird: mit dem Fokus auf den Kosten und nicht den Möglichkeiten der Medizin?

Wippermann: Die Krankenkassen trennen die Diskussion um steigende Kosten für Therapien und ärztliche Behandlung von den Chancen für ein besseres Leben. Botschaften wie „20.000 Euro für ein Medikament“ sind für die Medien ein attraktives Angebot – aber sie gehen an der Wirklichkeit vorbei. Es muss ja darum gehen, neue Möglichkeiten zu finden und sie zugänglich zu machen.
Ähnlich ist es mit der Krebsdiskussion in den Boulevardmedien. Die geht immer über die persönliche Schiene: „Ich habe den Krebs besiegt.“ Wie der Krebs wirklich besiegt wurde, welche Ärzte und Arzneimittel das geschafft haben, das kommt nie vor. Die Leistungen der Forscher werden draußen nicht anerkannt. In der öffentlichen Diskussion werden solche Themen zu häufig auf den stereotypen Kampf „gierige Konzerne“ gegen „arme Krankenkassen“ reduziert.

Auch wenn dieses Bild falsch ist: Die Kosten des Gesundheitssystems sind ja trotzdem da.

Wippermann: Das stimmt. Aber die Preisdiskussion wirkt da als massive Bremse. Wir gehen damit an den Möglichkeiten vorbei. Was wir brauchen, ist mehr Kooperationswillen. Im Augenblick haben wir zu viel Konfrontation zwischen den Krankenkassen, der Politik und der Pharmaindustrie. Das Gesundheitssystem werden aber nur alle gemeinsam stemmen können.
Perspektivisch werden wir eine extrem polarisierte Gesellschaft haben: eine Gruppe, die sehr viel in ihre Gesundheit investieren kann – und eine Gruppe, die das nicht kann. Kurz gesagt, eine Zwei-Klassen-Medizin. Ich sehe da eine ähnliche Entwicklung wie bei der Altersvorsorge: Die war früher staatlich gesichert und muss jetzt zunehmend privat gesichert werden. Wir stecken hier in einer extremen Umbruchssituation.




Fotos: privat