Der Weltreisende

DER WELTREISENDE

Als Alexander Bittner sich eines Morgens entschließt, Wissensmanager im
Pharma-Unternehmen Pfizer zu werden, klickt er zuerst einmal Google und Wikipedia an.

Zu diesem Zeitpunkt, im Herbst 2015, kennt er sich bei Pfizer bereits ziemlich gut aus. Schon als Schüler fing er dort mit einem Ferienjob an, sortierte Urlaubskarteikarten in der Personalabteilung, für satte 13 D-Mark pro Stunde. Später absolvierte er eine Lehre als Industrieelektroniker und studierte anschließend Wirtschaftsinformatik. Als Student kehrte Bittner zu Pfizer zurück, arbeitete im Trainingscenter für Außendienst-Mitarbeiter, dann in der Markenrechtsabteilung, dann in der Web-Entwicklung. Nebenher schrieb er seine Diplomarbeit. Eigentlich wollte er noch ein paar Semester dranhängen, aber Pfizer lockte ihn 2007 mit einer Festanstellung. „2008 sind wir von Karlsruhe nach Berlin gezogen“, erzählt er, „für junge Menschen wie mich war das eine Riesenchance. Innerhalb kürzester Zeit war ich Senior Manager.“ Mit noch nicht einmal 30 Jahren. Bittner stieg im Bereich Business Technology - Onkologie ins europäische Marketing-Team auf, trieb dort digitale Projekte und Multichannel-Planung voran. Und dann, im Herbst 2015, sagt ein Kollege zu ihm: „Guck dir mal die Stellenausschreibungen an, bei uns wird ein Knowledge Manager gesucht. Das könnte doch was für dich sein.“

So kommt es, dass Alexander Bittner das Wort „Wissensmanagement“ bei Google eingibt und zu Wikipedia geleitet wird. Denn er weiß zwar viel über Pfizer und die dortigen Arbeitsabläufe, aber eines weiß er noch nicht: Was genau ein Wissensmanager eigentlich macht. „Wissensmanagement“, so liest er bei Wikipedia, „ist ein zusammenfassender Begriff für alle strategischen bzw. operativen Tätigkeiten und Managementaufgaben, die auf den bestmöglichen Umgang mit Wissen abzielen.“ Aha. Bittner erfährt außerdem, dass viele Disziplinen Beiträge zum Wissensmanagement entwickeln, darunter auch die Wirtschaftsinformatik. Der 35-Jährige weiß jetzt zwar immer noch nicht, was als Knowledge Manager auf ihn zukommt, aber immerhin weiß er, dass er als Wirtschaftsinformatiker der richtige Mann für diesen Job sein könnte. Er bewirbt sich also und bekommt prompt eine Zusage.



Sammeln und teilen






Im November fängt er an und merkt ziemlich schnell: Mit Informatik hat man als Wissensmanager nicht allzu viel zu tun. Die Stelle gibt es bei Pfizer seit Ende 2014. In den ersten Monaten hat Bittners Vorgängerin eine Datenbank aufgebaut, in der Wissen gefiltert und abgelegt wird. Die Aufgabe von Alexander Bittner ist es nun, das geballte Wissen nicht nur zu sammeln, sondern auch dafür zu sorgen, dass es die richtigen Leute anwenden. Und zwar nicht nur bei Pfizer in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt.

„Die Technologie war nur der Anfang“, sagt Alexander Bittner heute, „unsere Datenbank im Intranet ist die Basis. Aber es wäre ein großer Fehler, das Wissen nur zu dokumentieren, es verfügbar zu machen und dann zu glauben, die Leute werden schon darauf zugreifen. Das macht niemand.“ Aus diesem Grund wendet ein Wissensmanager nur zehn Prozent seiner Energie für technologische Fragen auf, weitere zehn Prozent für das Aufbereiten der Informationen. „Aber zu 80 Prozent geht es um die Menschen“, sagt Bittner, „80 Prozent meiner Zeit als Wissensmanager verbringe ich damit, das Wissen aus den Köpfen zu holen und in andere Köpfe zu verpflanzen.“

Konkret sieht das so aus: Am Morgen durchforstet Bittner - schlank, sportlich, moderner Kurzhaarschnitt - die Datenbank und schaut, ob jemand ein neues Projekt eingestellt hat. Dass es dieses Template gibt, darüber informiert Bittner per Newsletter und in vielen persönlichen Gesprächen. Aufgebaut ist es nach der amerikanischen STAR-Methode: Situation, Task (Aufgabe), Action (Handlung) und Result (Ergebnis). Auf einer Textseite wird also in vier Spalten das Wichtigste auf Englisch zusammengefasst. Alexander Bittner überlegt sich dann „wie relevant dieses Wissen ist und mit wem es geteilt werden sollte.“ Dann folgen Mails und Telefonate. Bittner spricht mit dem Absender der Information und mit potenziellen Empfängern. Im Idealfall organisiert er zum Abschluss ein virtuelles Meeting, an dem bis zu 50 Pfizer-Kollegen aus der ganzen Welt teilnehmen.

Auf diese Weise konnte Bittner schon mehrere Projekte aus einzelnen Ländern in anderen Regionen verankern: So startete in der Schweiz ein Projekt, bei dem es darum ging, Patienten mit einer seltenen Form von Lungenkrebs möglichst schnell nach der Erstdiagnose in Fachzentren vorzustellen – denn für diese kleine Patientengruppe hatte Pfizer ein Medikament entwickelt. Als Wissensmanager gab Alexander Bittner Impulse dafür, dass auch Patienten in Deutschland, Spanien und Belgien schnellen Zugang erhielten.

5 Sterne für
gute Ideen

Wie aber bringt man als Knowledge Manager die Leute dazu, ihr Wissen tatsächlich an andere weiterzugeben? Alexander Bittner rückt seine schwarz umrandete Brille zurecht, streicht über seinen Dreitagebart und antwortet nach kurzem Nachdenken: „Man muss sie belohnen – nicht so sehr mit Geld, sondern auch durch andere Formen der Wertschätzung.“ Zum Beispiel durch Sterne. Die User können jedes Projekt in Bittners Datenbank mit bis zu fünf Sternen bewerten. Wer eine Information geteilt hat, erfährt von diesen 5 Sternen. „Die Leute freuen sich darüber mehr, als über irgendwelche Prämien“, sagt Bittner und fügt hinzu: „Man muss die Leute bei ihrem Stolz packen.“

Das allerdings ist in manchen Ländern einfacher als in anderen. „Die Amerikaner teilen ihr Wissen gerne“, sagt Bittner. Im asiatischen Raum und vielen Schwellenländern dagegen werde Wissen lieber aufgenommen als weiter gegeben. Das erfuhr Bittner schon in seinen ersten Tagen als Knowledge Manager. Denn da mailte ihm eine Kollegin aus Japan, wie sehr sie sich freue, durch ihn Informationen aus anderen Regionen zu bekommen. Alexander Bittner schrieb zurück: „Auch ich freue mich, Ihnen Informationen zur Verfügung zu stellen. Aber ich bin mir sicher, dass auch aus Japan viele Innovationen kommen, von denen andere profitieren können.“ Tatsächlich schickte ihm die Kollegin noch am selben Tag Infos „zu einer App im Therapiemanagement-Bereich“, die in Japan sehr erfolgreich ist – und demnächst vielleicht auch in Europa.





Der beste
Job der Welt

Telefonieren, mailen, wieder telefonieren, überzeugen, und dann in aller Frühe oder spätabends ein Web-Meeting leiten, bei dem Kollegen aus den unterschiedlichsten Zeitzonen dabei sind: Der Job als Wissensmanager ist manchmal mühsam, aber für Alexander Bittner ist es der beste Job auf der Welt. „Ich mag unterschiedliche Kulturen und Länder“, sagt er, „und ich treffe jetzt jeden Tag interessante, inspirierende Kollegen aus allen Kulturkreisen. Außerdem war mein Englisch vor sechs Jahren so schlecht, dass ich meinen Arbeitstag immer auf der Leo-Übersetzungswebsite begonnen habe. Heute dagegen ist alles im Fluss, ich verstehe viel und kann mich austauschen.“ Vor 13 Monaten kam Bittners Tochter zur Welt. Seitdem ist es mit den Fernreisen im Campingbus erstmal vorbei, die er und seine Partnerin früher so gerne unternommen haben. Die Meetings mit Menschen aus Skandinavien, Asien oder Amerika aber geben Alexander Bittner das Gefühl, immer noch viel in der Welt herumzukommen.



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